Der Zelebrationsaltar in St. Martin, Zyfflich

 

Der Zelebrationsaltar in St. Martin, Zyfflich, und seine theologische Bedeutung

 

Zu den eindrucksvollsten Bildern der Ausstellung „50 Jahre Kirchweihe“ im letzten Jahr gehörte das Foto, das RP-Fotograf Fritz Getlinger (geb. am 21. Juni 1911, gest. am 16. November 1998) im Oktober 1961 von der Altarweihe aufgenommen hatte. Der dunkle Kirchenraum wird durch das Feuer erleuchtet, das der damalige Weihbischof Heinrich Tenhumberg (geb. am 4. Juni 1915, gest. am 16. September 1979, Bischof von Münster 1969 – 1979)auf der Altarplatte entzündet hatte. Dies tat er, nachdem er die Altarplatte mit Chrisam gesalbt und mit Weihrauchkörnern versehen hatte, an den fünf Stellen auf der Oberfläche, die durch eingravierte Kreuze markiert werden. Sie erinnern ähnlich wie die Wachsnägel der Osterkerze an die Wundmale Jesu. Die Altarweihe war Bestandteil der Kirchweihe, mit der Weihbischof Tenhumberg die Pfarrkirche St. Martin nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges und dem Wiederaufbau am 7. und 8. Oktober 1961 wieder als Gotteshaus in Dienst nahm.[1] Am Beispiel des Zyfflicher Zelebrationsaltares möchte ich in diesem Artikel den Altar als wichtigstes Ausstattungsstück und als Zentrum der Kirche in seiner theologischen Bedeutung und Symbolik näher betrachten. „Äußerlich gesehen ist er [der Altar] nicht mehr als ein Tisch oder ein Block aus Holz, Stein oder Metall, auf den im Gottesdienst Brot und Wein gestellt werden. Die theologische Deutung des Altares reicht weiter. Hier werden in jeder Eucharistiefeier die Lebenshingabe Jesu, sein Kreuzestod und seine Auferstehung, vergegenwärtigt. Darauf verweist auch das Kruzifix von Achilles Moortgat über dem Altarraum. Brot und Wein werden in den Leib und in das Blut Christi verwandelt. Auf diese Weise schenkt Jesus Christus den Gläubigen Gemeinschaft, > Kommunion <, mit ihm und untereinander.“[2] Dabei ist hoch interessant, dass Pfarrer Fritz Häfner (geb. 22. Dezember 1913, gest. 24. Februar 1989, Pfarrer von Wyler und Zyfflich 1947 – 1984) und der Düsseldorfer Künstler Alfred Göhre (geb. 29. Januar 1925, gest. 20. Dezember 1995) im Zuge der Gestaltung der Inneneinrichtung von 1957 bis 1961 den Altar so konzipiert und aufgestellt haben, dass nach dem ein Jahr nach der Kirch- und Altarweihe begonnenen II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) keine baulichen Veränderungen nötig waren. Zwar greift der Altar in Bezug auf sein Material und seine künstlerische Gestaltung nicht die später vom Konzil und von der Liturgiereform aufgegriffene biblische Formulierung vom „Tisch des Herrn“ auf.[3] Doch ähnlich wie beim Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg ebenfalls zerstörten Münsteraner Domes[4] wurde der Altar in St. Martin nicht wie der barocke Vorgänger bzw. wie Jahrhunderte zuvor üblich an der Rückwand des Altarraumes errichtet, sondern so aufgestellt, dass er frei zu umschreiten ist. Die „Allgemeine Einführung in das Messbuch“ formuliert es nach der Liturgiereform so: „Für gewöhnlich soll eine Kirche einen feststehenden, geweihten Altar haben, der frei steht, damit man ihn ohne Schwierigkeiten umschreiten und an ihm, der Gemeinde zugewandt, die Messe feiern kann. Er soll so aufgestellt sein, dass er wirklich den Mittelpunkt des Raumes bildet, dem sich die Aufmerksamkeit der ganzen Gemeinde von selbst zuwendet“ (Nr. 262).[5] So brauchte nach 1965 nur die Zelebrationsrichtung geändert werden – statt mit den Gläubigen gemeinsam in Richtung Osten, d.h. in Richtung der aufgehenden Sonne als Symbol für die Auferstehung und die Erwartung der Wiederkunft Christi zu schauen, feiert der Priester die hl. Messe nun auf der der Gemeinde gegenüberliegenden Seite des Altares, so dass er sich mit den Gläubigen gleichsam um diesen versammelt.[6] Aus heutiger Sicht mag der Altar sehr erhöht und weit weg von den Gläubigen stehen – wobei der entsprechende Eindruck noch durch die „typische Nutzung“ der Bankreihen „von hinten nach vorne“ vergrößert wird. Eigentlich könnten die Gläubigen, wie es in der Werktagsmesse am Dienstag geschieht, in den ersten Bänken unmittelbar vor dem Altarraum und damit in größerer räumlicher Nähe zum Altar an der Eucharistiefeier teilnehmen. Die Höhe des Altarraumes wird zum einen durch den bei der Vorkriegsrenovierung 1914 errichteten Heizungskeller[7] bedingt, zum anderen durch die Gestaltung theologisch gedeutet: Der Priester steigt sieben Stufen zum Altar empor. Die Zahl Sieben hat mehrere symbolische Bedeutungen: Sie kann für die bis zur Liturgiereform geltenden Weihegrade stehen, die die damals üblichen „Durchgangsstufen“ zur 7. Weihe, der Priesterweihe, waren, also für die vier „niederen Weihen“ zum Ostiarier („Türwächter“), Lektor („Vorleser“), Exorzist („Austreiber“ des Bösen) und Akolyth („Altardiener“), und für die ersten drei der vier „höheren Weihen“ zum Subdiakon („Untergeordneter Diener“), Diakon („Diener“) und Priester („Ältester“, „Vorsteher“). Die Weihe zum Bischof („Aufseher“, Oberhirte) war dann der achte und höchste Grad.[8] Noch wichtiger ist der Anklang an die durch die erste biblische Schöpfungserzählung untermauerte Sieben-Tage-Woche[9] und an die Feier der sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Weihe, Ehe). Dabei hebt die Kirche den Sonntag und die Eucharistie hervor, wenn sie in der hl. Messe betet: „Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist.“[10]

Die erhöhte Stellung des Altares erinnert an den Berg als biblischen Ort der besonderen Nähe zu Gott im Allgemeinen und an den Hügel Golgota als Ort der Kreuzigung im Besonderen.[11] Die beiden Steinblöcke, aus denen der Zyfflicher Zelebrationsaltar besteht – die Frontseite der Mensa (Altarplatte) ist 2,80 m lang und mit dem Stipes („Fuß“) 1 m hoch – beziehen sich auf den biblischen Brauch, Gedenksteine oder Steinaltäre zu errichten, und auf den biblischen Vergleich Jesu und der Gemeinde mit dem „lebendigen Stein“. So sagt Jakob nach seinem Traum von der Himmelsleiter: „Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf.“[12]Der erste Petrusbrief fordert seine Leser bzw. Hörer auf: „Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.“[13] Die symbolische Deutung des Altars als „Christus, den lebendigen Stein“ und der Verweis auf die Christen als „lebendige Steine“ kommt auch durch die oben geschilderte Altarweihe zum Ausdruck: Das Chrisam verweist auf „den Gesalbten“, Jesus Christus, und auf alle, die durch die Taufe (und die darauffolgende Salbung) und die Firmung zu ihm gehören, das Feuer auf die biblische Symbolik der Herrlichkeit des Herrn,[14] des Brandopfers[15] und des Heiligen Geistes, der auf die Jünger herabkommt.[16] Der Hebräerbrief deutet den Gottesdienst als Zutritt zum „heiligen Berg“ und zu Gott, dem „verzehrenden Feuer“,[17] dem durch Jesus Christus das „Opfer des Lobes“ dargebracht wird.[18] Hervorgehobener Ort und Zeitpunkt dieser Darbringung ist wie erwähnt die (sonntägliche) Eucharistiefeier, zu der sich die Gemeinde um den Altar versammelt: „In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm.“[19] Alfred Göhre hat den Altar als „eine empfangende und zugleich anbietende Opferschale“ gestaltet und weist so auf die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers und auf eine (neben dem Stein) weitere Christus-Deutung des Altares hin, wie sie die „Präfation für die Osterzeit V“ so zum Ausdruck bringt: „Als er seinen Leib am Kreuz dahingab, hat er die Opfer der Vorzeit vollendet. Er hat sich dir dargebracht zu unserem Heil, er selbst ist der Priester, der Altar und das Opferlamm.“[20] Schön ist, dass der Altar den Eindruck von Lebendigkeit erzeugt: „Trotz seiner Größe und Schwere wirkt seine Wucht überwunden, da der Unterbau und die Platte jeweils nur auf vier kleinen Punkten aufruhen, so dass die große Platte schon durch einen leichten Schlag mit dem Fingerknöchel zum Schwingen und Klingen gebracht werden kann.“[21]

Als Pastor der Pfarrgemeinde St. Martin wünsche ich mir, dass im aktuellen „Jahr des Glaubens“, das 50 Jahre nach dem Beginn des II. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 eröffnet wurde, der Zyfflicher Zelebrationsaltar und die Eucharistiefeier, der er dient, als „Mitte des christlichen Lebens“ von den Menschen weiter wert geschätzt bzw. neu entdeckt werden. Mit der „Präfation der Altarweihe“ möchte ich meine Gedanken hier noch einmal zusammenfassen: Jesus Christus „ist der einzige Priester, die wahre und einzige Gabe. Er hat sich auf dem Altar des Kreuzes dir dargebracht und uns aufgetragen, das Gedächtnis seines Opfers zu feiern bis zum Ende der Zeiten. Darum hat dein Volk diesen Altar errichtet, den wir mit Dank und Lobpreis dir weihen. Hier ist in Wahrheit der erhabene Ort, an dem sich im Sakrament das Opfer Christi vollzieht, dir zur Ehre und uns zur Erlösung. Hier ist der Tisch, an dem du deine Söhne und Töchter mit dem Leib Christi stärkst und sie zusammenführst zur einen heiligen Kirche. Hier ist Christus, der geistliche Fels, aus dem die Ströme des Lebens quellen. Hier schöpfen die Gläubigen den Heiligen Geist, der auch sie verwandelt zu einem lebendigen Altar und einer heiligen Gabe.“[22]

 

Ausstellung 39Zyfflich_Rundgang (04)

 

Christoph Scholten, Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinden der Seelsorgeeinheit St. Peter und Paul, Kranenburg, St. Bonifatius, Niel, St.Johannes Baptist, Wyler, und St. Martin, Zyfflich



[1] Vgl. Leo Schaefer, Der Gründungsbau der Stiftskirche St. Martin in Zyfflich, Verlag Fredebeul und Koenen, Essen 1963, S. 19.

[2] Eelco Hekster, Kirche St. Martin in Kranenburg-Zyfflich, 1. Auflage, Books on Demand, Norderstedt 2011, S. 41.

[3] Vgl. 1 Kor 10,21; vgl. Allgemeine Einführung in das Messbuch, Artikel IV. Der Altar, Nr. 259, in: Die Feier der Heiligen Messe. Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes, 2. Auflage 1988, Herder, Freiburg i. Br. 1988, S. 65*.

[4] Vgl. Géza Jázai, Der Dom zu Münster und seine Kunstschätze, 1. Auflage, Dialogverlag, Münster 2000, S. 25.

[5] Messbuch, a.a.O., S. 65*.

[6] Vgl. Thomas Frings, Gestaltete Umbrüche, Kirchen im Bistum Münster zwischen Neugestaltung und Umnutzung, 1. Auflage, Dialogverlag, Münster 2007, S. 4.

[7]Vgl. Leo Schaefer, a.a.O., S. 28.

[8] Vgl. Dr. Wilhelm Ülhof, Artikel „Weihegrade“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Auflage, Herder, Freiburg i. Br. 1965, Bd. 10, S. 981. Weit verbreitet war das geistliche Buch des Münsteraner Spirituals Bernardin Goebel, Auf sieben Stufen zum Altar. Besinnung auf die Weiheliturgie. Pustet, Regensburg 1962.

[9] Vgl. Gen 1,1 – 2,3.

[10] Messbuch, a.a.O., Hochgebet II, S. 480, und Hochgebet III, S. 490.

[11] Vgl. Gen 22,2 (Abrahams Opfer auf dem Berg Morija), Ex 19,1-25 (Gott erscheint Mose auf dem Berg, auf dem er danach die Zehn Gebote empfängt), Ex 24,17 („Die Erscheinung der Herrlichkeit des  Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich vor den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer“ – vgl. den Ritus der Altarweihe!), Ps 24,3 („Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn …?“), Jes 25,6 („Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben …“), Mt 14,23 (Jesus steigt auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten), Mt 17,1-9 (Berg der Verklärung), Mt 27,33 („Golgota …, das heißt Schädelhöhe“), Hebr 12,22 (Gottesdienst als Zutritt zum heiligen Berg).

[12] Gen 28,17f.

[13] 1 Petr 2,4f.

[14] Vgl. Ex 24,17 (Fußnote 11).

[15] Vgl. 1 Kön 18,38 (bzgl. der Entscheidung für Baal oder JHWH „kam das Feuer des Herrn herab und verzehrte das Brandopfer …“).

[16] Vgl. Apg 2,3f (Pfingsten).

[17] Hebr 12,22.29.

[18] Hebr 13,15.

[19] Karl Rahner, Herbert Vorgrimmler, Kleines Konzilskompendium, Apostolische Konstitution „Lumen Gentium“, Nr. 11, 25. Auflage, Herder, Freiburg i. Br. 1994, S. 135.

[20] Messbuch, a.a.O., S. 393.

[21] Broschüre „St. Martin-Kirche Zyfflich“, ohne Jahresangabe, zitiert nach Eelco Hekster, a.a.O., S. 41.

[22] Messbuch, a.a.O., S. 1027 – 1029. Der „geistliche Fels, aus dem die Ströme des Lebens quellen“, greift die biblische Erzählung vom Wasser aus dem Felsen (Ex 17,6) auf und verweist auf die Präfation vom Heiligsten Herzen Jesu, ebd., S. 259: „Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles.“